Was ist ästhetischer Widerstand

Feststellungen und manifestische Skizzen

Ästhetischer Widerstand ist das Anrennen gegen die Wiederkäukunst der Kulturmaschinen. Übersättigt das leicht Verdauliche und Kommensurable den optimierten Körper, müssen wir fasten, um Leib und Seele und Verstand zu klären. Wird die Jugend konsumiert, muss der Widerstand ihre zerbrochenen Zukunftswünsche bergen. Wir flicken das Kaputte und zerreißen die Tapeten des goldenen Käfigs. Wir kleben Wunden, die die Bestie an den Börsen in den Planetenkörper reißt, mit Traumspucke.
Unsere Gegenwart ist kompromittiert: im zufriedenen Leben wird das Gesicht verhängt und Glück als Schweigen verordnet. Der innere wie äußere Widerstand arbeitet gegen die Zwangsstille. Wir fordern die Entniedlichung der Verniedlichung der Geschichte. Wir brauchen Geschichten, die in uns fortgären, bis der letzte es verstanden hat.
In der Zeit der Lippenbekenntnisse und der Masken wird zur widerständigen Pflicht, den Wortführerinnen und Wortführern der Dummheit wie des Aberglaubens gegen das falsche Wort zu reden. Wie benötigen keine Beratungsfirma, um totalitäres Denken auszulachen; Einfalt statt Einfachheit zu suchen; die Dominanz des Nominalstils zu brechen; die Kellerräume zu betreten, in denen das Verdrängte lagert; die Erinnerung an die Toten wach zu halten.

Thesen und Komplimente

Die Kulturlandschaft blüht vor zwangsorientiertem Trendismus. Verkauft wird, was gefällt, nicht aneckt, nicht weh tut. Verkauft wird das Allbekannte, was Erfolg verspricht. Verkauft wird Familie als Rührstück, Geschichte in bekömmlichen Portionen. Verkauft wird der Tod, das passende Zertifikat für das rechte Wohlbefinden. Wir leben in einer Kultur des Ablasses – noch immer.

Kunst und Kultur sind die Bürdenträgerinnen unserer Schuld. Wir nennen die Künstlerinnen und Künstler Würdenträgerinnen und Würdenträger der Kultur – welcher Kultur? Wir erwarten, dass sie uns aus dem Schraubstock lösen, der die Seele einengt. Nur, die Kunst kann nur die Kunst anregen. Die Lauterkeit liegt bei uns.

Haltung oder Wenn Kopf und Wand sich treffen

Das ästhetische Denken setzt eine politische und moralische Haltung voraus.

Dafürsein.

Für die Freiheit der Menschen. Für die Freiheit der Kunst. Für die Freiheit der Vernunft. Für die Freiheit des Herzens. Für die Freiheit des Guten. Für die Freiheit der Gerechten. Für Deine Freiheit und die Freiheit Deiner Leute. Für die Freiheit, Uneindeutigkeiten zu wahren, und vor funkelnden Zangen nicht das Kreuz zu beugen.

Dagegensein.

Gegen Formalismus und das Diktat des universalistischen Erzählens. Der Mensch ist die Summe seiner Geschichten, von Fehlern und Gemeinsamkeiten. Nicht von Produkten. Gegen das Versprechen der korrumpierten und verwalteten Kunst, das Individualismus eine Tugend sei. Gegen falsches Pathos. Gegen das Klischee. Gegen die Lüge, Verbrechergeschenke in Bonbonpapier zu wickeln.

Gegen Funktionalismus, dass Künstlerisches in der Kunst Sinn zu haben hat. Die Psychologisierung der Kunst ist ein Irrtum. Für Kunst als einzig ideologiefreiem Ort, an dem niemand Mitglied werden muss. Kunst verweigert sich der Einfachheit, und muss die Einfalt in der Vielfalt suchen. Kunst ist der Hebel, zu wirken am übermächtig Scheinenden.

Gegen finanzielle und moralische Ausbeutung der Künstlerinnen und Künstler als Marktschaffende. Der Markt ist ein Maskenball. Gewinn ist arm. Materielles Wachstum ist Illusion und Wohlstand für alle ein Kellerwitz der Macht.

Wir suchen Frieden. Wir suchen das gute Leben. Wir reisen in die schwärzesten Löcher. Wir wählen den fortdauernden Diskurs. Wir feilen die Grate zwischen den Welten. Und knicken Sterne von den Kühlerhauben.