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Vergessene Science-Fiction-Serien: “Palomino” (Folge 4-6)

Previously on: „Palomino“

Caleb Calloway, Schulabbrecher und Kleinkrimineller, kommt versehentlich mit einer rätselhaften Substanz in Berührung, die aus einem unbekannten Flugobjekt leckt. Bald darauf findet er sich immer häufiger in den Körpern anderer Menschen wieder. Wenn es vorüber ist, kann er sich nicht mehr an diese Austausche erinnern: nur in seinen Träumen bleiben vage Hinweise zurück. Als sich seltsame Vorkommnisse und Todesfälle in seiner Umgebung zu häufen beginnen, versucht er herauszufinden, wer oder was dahinter stecken könnte…

*

Episode 4: „Possession“

Caleb beginnt, sinnlos im Internet zu recherchieren, aber alle seine Nachforschungen landen in Sackgassen: paranoiden Verschwörungstheorien, krudem esoterischem Gerede über Astralreisen und außersinnliche Wahrnehmung. Er trifft sich wieder mit der Kassiererin Shelby Dorsey, befragt sie zu jenem Nachmittag, an dem sie ihm das Leben gerettet hat. Auf die Frage, warum sie das Bedürfnis gehabt habe, nach ihm zu schauen, weiß sie keine Antwort: Alles sei verschwommen und verwischt, aber vielleicht sei es ihr selbstverständlich erschienen. Inzwischen werde sie von Menschen angerufen, die glaubten, sie hätte eine Art sechsten Sinn; sogar der Priester der örtlichen Herz-Jesu-Kirche interessiere sich für ihre Eingebung. Caleb bedankt sich und sucht anschließend mehr aus Ratlosigkeit den Priester auf: fragt ihn, ob Menschen besessen sein könnten, ohne davon zu wissen. Der Priester antwortet ihm, es sei schon möglich, dass Dämonen auf diese Weise in gute Menschen fahren. Caleb verabschiedet sich rasch.

Er besucht Jules, die Pflegerin seines Vaters, die allein in einem winzigen Apartment lebt, in einer strahlend weißen, halbleeren Wohnanlage am Rande des Highways. Jules kocht für ihn, sie spricht ihm Mut zu und Trost. Abends rauchen sie am Fenster Marihuana und beobachten die Autos, die in der Dämmerung vorüberhuschen. Caleb gesteht ihr seinen Verdacht, dass irgendetwas mit ihm nicht stimme: Dass ein Dämon in ihn gefahren sei, und dass er glaubt, ein Mörder zu sein. Sein Gerede wird Jules unheimlich. Kurz nach Mitternacht bittet sie ihn zunächst zu gehen, dann schreit sie ihn an, er solle verschwinden, sonst rufe sie die Polizei. Caleb taumelt allein ein ausgetrocknetes Bachbett, das sich durch eine undurchdringliches Gewirre aus Büschen und Sträuchern windet. Schon bald glaubt er, verfolgt zu werden. Im fahlen Mondlicht sieht er, wie eine schattige Gestalt sich nähert: Sie hält einen Baseballschläger in den Händen und kommt immer schneller auf ihn zu.

Als er wieder zu sich kommt, findet Caleb sich mit nacktem Oberkörper an einen Rohrstuhl gefesselt wieder. Er erkennt das Innere eines vollkommen vermüllten Wohnwagens. Trey Sobczek kommt herein. Das Haar klebt ihm an den Schläfen, und sein Gesicht sieht aus, als sei es in einer Mikrowelle erhitzt worden. Er ist vollkommen außer sich. Offenbar unter Drogeneinfluss zetert er von einer außerirdischen Verschwörung, geheimen Regierungskräften und Bewusstseinsmanipulation, stammelt von verendeten Rindern, einem Netzwerk unterirdischer Tunnel, einer als Saatgutfabrik getarnten Anlage hinter der mexikanischen Grenze und Segelflugzeugen am Himmel. Er hätte gesehen, flüstert er: Wie es in Caleb gefahren sei, wie es Caleb getötet habe. Er krümmt sich, als litte er an grässlichen Magenschmerzen. Dann richtet er einen Revolver auf Calebs Stirn.

Episode 5: „Hulligan’s Farm“

Nur mit Glück gelingt es Caleb, sich zu befreien: Es kommt zu einem Handgemenge, an dessen Ende er Trey eher versehentlich mit mehreren Schüssen tötet. Er glaubt, dass Jules vielleicht die Polizei gerufen hat, dass sie seinen Spuren folgen und den Toten entdecken, dass sie ihn finden werden. Panisch und desorientiert rennt er durch die labyrinthische Strauchlandschaft. Er ist jetzt auf der Flucht.

Am Rande eines Highways hält er ein Auto an: Mithilfe von Treys Revolver zwingt er den Fahrer, sich auszuziehen, steigt selbst in den Wagen und fährt los. Auf einem leeren Parkplatz entledigt er sich seiner blutverspritzten Kleidung und zieht sich die des Fahrers über. In einem Diner bestellt er unter dem misstrauischen Blick der Kellnerin Burger und Bier. Schließlich sackt er auf der Toilette erschöpft zusammen und erleidet, wie heimgesucht von einer unsäglichen Krankheit, einen erneuten Anfall. Diesmal wacht er im Körper eines Unbekannten auf, eines Mannes im mittleren Alter, der ein Jeanshemd trägt und auf dem verschlammten Hof eines heruntergekommenen Schweinemastbetriebs steht. Ein Farmer mit zerknittertem Gesicht und rotblondem Haar kommt ihm entgegen und stellt sich als Hulligan vor. Er fordert Caleb/Mann auf, ihm in einen Lagerschuppen zu folgen, wo sich Futtersäcke in Regalen bis unter die Decke stapeln. Der Farmer schneidet einen davon auf: Ein zuckriges Kristallpulver rieselt heraus. Hulligan hält seine Hand darunter, dann weist er Caleb/Mann an, ihn in die Masthalle zu begleiten. Als sie die riesige Halle betreten, scheinen Tausende Schweine in ihren Boxen unruhig zu werden, wittern offenbar das Pulver in Hulligans Händen. Die Tiere beginnen ohrenbetäubend zu kreischen, werfen sich an die Gitter, schlagen ihre Schnauzen daran blutig. Hulligan lacht.

Caleb kommt auf einer Klappliege im Büro des Diners zu sich. Die Kellnerin hat ihn gefunden, sie sagt, ein Rettungswagen sei unterwegs. Caleb springt auf, rennt nach draußen, steigt in den Wagen und rast auf dem Highway davon. Er fährt einen Tag und eine Nacht, wechselt willkürlich die Straßen, verlässt Texas, durchquert Teile von Oklahoma und erreicht Arkansas. Er hält niemals an, in lauernder Panik vor weiteren Anfällen oder der Polizei.

Ungefähr zur selben Zeit sehen wir Jules auf einem Polizeirevier. Ein Mann kommt in das Verhörzimmer, der sich als CIA-Agent vorstellt: Er ist schlank und hochgewachsen. Seine Augen leuchten stechend blau. Sein Name, sagt er, sei Xander Dorax, und er interessiere sich sehr für ihre Geschichte. Sie erzählt ihm, was Caleb ihr erzählt hat: von den Dämonen, dass er glaubt, Verbrechen begangen zu haben in der Gestalt anderer Menschen. Dorax hört ihr aufmerksam zu, bedankt sich höflich und steht auf. In der Nacht sehen wir, wie vermummte Männer Jules entführen und in einen weißen Lieferwagen sperren.

Auf einer Straße, die schnurgerade zwischen Maisfeldern entlang führt, wird Caleb von einer Polizeistreife angehalten: offenbar ist er vor Müdigkeit Schlangenlinien gefahren. Nach kurzem Gespräch bittet ihn der Polizist, mit erhobenen Händen auszusteigen. Von fern nähert sich ein weißer Wagen. Zwei Männer in Freizeitkleidung steigen aus, die sich als Detectives aus Texarkana vorstellen. Einer von ihnen erschießt den Polizisten hinterrücks und wirft die Leiche in den Kofferraum des Polizeifahrzeugs. Der andere bittet Caleb, in den weißen Wagen zu steigen. Dort verpasst er ihm eine Spritze: Ihr Wirkstoff stabilisiere die Welten, sagt er, verhindere vorerst weitere „Transfers“.

Sie fahren die ganze Nacht, währenddessen der angebliche Detective kein Wort sagt. Am frühen Morgen erreichen sie eine Kleinstadt, wo sie auf dem Parkplatz einer Tennishalle anhalten. Im Clubhaus trifft Caleb auf Xander Dorax, der ihm einen Orangensaft spendiert. Er sagt, er könne sich Caleb gegenüber als CIA-Agent ausgeben, aber es wäre gelogen: Von der Behörde, für die er wirklich arbeite, wisse nicht einmal die CIA. Caleb versteht nicht. Dorax erzählt ihm vage von geheimen Experimenten mit Nanorobotern, die in die Biochemie des menschlichen Gehirns eingreifen und eine Kettenreaktion auslösen würden, die man den „Palomino-Effekt“ nenne. In großer Menge konzentriert, glichen die Nanoroboter einer glasigen Schmiere. Auf die Frage, wie der Effekt funktioniere, wisse er selbst keine Antwort: In Wahrheit hätten die Forscher nichts verstanden. Aber es sei auch nicht sein Job, ihm, Caleb, irgendetwas zu erklären: Vielmehr sei er hier, um ihn zu trainieren. Er könne ihm helfen, es zu kontrollieren, sich seiner Verantwortung zu stellen, Gutes zu tun, kurz: Er wolle einen Superhelden aus ihm machen.

Episode 6: „Superhero“

Xander Dorax bringt Caleb in ein abgelegenes Motel in der Wüste von Nevada. Sie würden, so Dorax, zwei Tage bleiben, dann ginge es weiter zu einer Einrichtung im Norden, wo Calebs Ausbildung beginnen würde. Er schärft ihm ein, mit niemandem zu sprechen. Caleb, inzwischen neu eingekleidet, das Haar kurz geschoren, liegt am Pool in einem Liegestuhl. Um ihn herum ist der Rasen gelb vor Hitze. Trucks donnern auf dem Freeway vorüber. Als er einmal zurück in sein Zimmer geht, hört er Dorax nebenan in einer unbekannten Sprache sprechen. Später flirtet Caleb mit einer älteren Frau am Pool, ehe ein angespannt wirkender Dorax ihn anweist, ihm sofort zu folgen. Das Training falle heute aus, sagt er, es werde ernst, sehr ernst.

Caleb sitzt in einem Sessel im abgedunkelten Motelzimmer, während Dorax abwechselnd auf eine altmodische Funkuhr und aus dem Fenster blickt. Lange Zeit geschieht nichts: Es wirkt wie das Warten auf die entscheidende Schießerei in einem generischen Western. Irgendwann schaltet Dorax ein Kurbelradio ein. Schließlich kniet er neben Caleb nieder und spritzt ihm die kristalline Substanz in eine Vene. Dann legt er ein kleines, mit Holzimitat verkleidetes Kästchen auf den Nachttisch, das ein monotones Klicken von sich gibt. Töte den Mittelsmann, dann dich selbst, flüstert Dorax. Caleb verdreht die Augen. Er beginnt haltlos zu zittern.

Er erwacht im Körper eines afrikanischen Warlords, der offenbar gerade einen Rohstoffdeal mit einem unbekannten Konsortium abwickelt. Ein Koffer voll Geld wird vor ihm auf den Tisch gelegt, dazu ein dunkler Gegenstand, der Dörrobst ähnelt: Ein getrocknetes menschliches Herz. Der weiße Verhandlungsführer schaut ihn an. In seinem Kopf hört Caleb das Klicken. Langsam greift er nach der goldenen Pistole mit elfenbeinernem Griff, die vor ihm liegt. Er erschießt den Verhandlungsführer, dann sich selbst. Schweißüberströmt wacht er auf. Gut, sagt Dorax. Von draußen dröhnt das Wummern eines Helikopters. Das ging zu schnell, zischt Dorax. Er packt den noch geschwächten Caleb, schleift ihn nach draußen auf den Parkplatz und zerrt ihn in den Lieferwagen. Über ihnen kreisen drei weiße Helikopter. Eine ausufernde, halsbrecherische Verfolgungsjagd durch die Wüste beginnt.

Es gelingt ihnen nicht, die Helikopter abzuschütteln, die inzwischen dicht über und neben ihnen fliegen und sie mit einem Kugelhagel eindecken. Schließlich gerät der Van außer Kontrolle und überschlägt sich mehrfach. Caleb, der kaum bei Bewusstsein ist, spürt sein eigenes Blut an die zersplitternde Windschutzscheibe spritzen. Dann wird er von einer weiteren Vision erfasst: Er sieht eine riesenhafte Betonröhre, die immer weiter hinein ins Nichts führt, und eine Küstenstadt, über die ein dunkler Schatten fällt. Den Schweinezüchter Hulligan, der eine Leiche in ein Güllebecken wirft. Als er langsam wieder zu Bewusstsein gelangt, bemerkt Caleb wie ein offenbar auf dem Kopf stehender Xander Dorax lautlos schreit. Dann vernimmt er ein monotones Klicken.

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Nach der Absetzung der Serie, las ich bei serienjunkies.de, erreichten den Sender NBC einige Hundert Mails, in denen aufgebrachte Fans die Wiederaufnahme der Dreharbeiten forderten. Daraufhin gab es offenbar Überlegungen, Teile der Handlung in einem Spielfilm zu Ende zu führen, wozu es allerdings nie kam. In einem Interview mit dem Online-Magazin „screenz“ aus dem Jahr 2011 erläutert Serienschöpfer Craig Burkhoff, wie die weitere Handlung von „Palomino“ hätte verlaufen sollen: Demnach stelle sich nach einer Reihe von Aufträgen, die Caleb Calloway für Xander Dorax ausführe heraus, dass dieser nur vorgebe, im Auftrag einer Regierungsbehörde zu handeln: In Wahrheit handle es sich bei dieser Geschichte (ebenso wie bei der Sache mit den Nanorobotern und dem „Palomino-Effekt“) um reine Erfindung. Burkhoff zufolge wird Caleb von Dorax lediglich benutzt: Zu keinem Zeitpunkt verstünde er, dass er (zu Beginn der Serie) mit etwas in Kontakt gekommen sei, das seine kognitiven Fähigkeiten (und vielleicht sogar die kognitiven Fähigkeiten des Menschen überhaupt) hoffnungslos übersteige.

Dorax wiederum, führt Burkhoff aus, sei dabei ebenfalls nur Teil eines Gefüges, das er in seiner Totalität nicht erfassen könne. Er spreche hier von: Zukünften und Gegenwart, paralleler Gegenwart, alternativen Vergangenheiten. Alles sei im Grunde Verschränkung, Umwandlung und Zirkulation. Der Austausch von Informationen, der über Knotenpunkte verlaufe. Das Beseitigen von Widerständen, die den Informationsfluss stoppten. Die Figur Dorax, die kein Mensch sei, lese aus, werte aus, verknüpfe und verschalte. Sie hätte keinen freien Willen, sei nur einem unbekannten (und vielleicht gänzlich unverständlichen) Regelwerk unterworfen. Ihr „Gegner“ sei der gleichsam nichtmenschliche Schweinezüchter Hulligan, der eine Störung, ein Fehler im Code des verschränkten Weltengefüges sei: eine Mutation, die alles unlesbar zu machen drohe.

In der letzten Szene der ersten Staffel, würde sich Dorax Caleb gegenüber als der Mann aus Glas zu erkennen geben, den dieser immer wieder in seinen Visionen gesehen habe. Er sage zu Caleb: „Du wirst alles gefährden. Du wirst alles vernichten.“ Dorax füge hinzu: „Du bist weit weg von Zuhause.“ Dann schieße er Caleb in den Kopf. Im Augenblick seines Todes beginne dieser allerdings noch einmal zu zucken, die kristalline Flüssigkeit laufe ihm aus Nase und Mund. Dorax schieße erneut und beuge sich zu Caleb herunter, dessen Augen nun vollkommen leer seien.

Im Juni 2014 gab es auf der Seite mediavillage.com Gerüchte, die Handlung der Serie würde in einer losen Reihe von Graphic Novels weitergesponnen werden. 2021 bestätigte Burkhoff auf Twitter, dass er seit geraumer Zeit ein Serienkonzept ausgearbeitet habe, das im selben erzählerischen Universum wie „Palomino“ angesiedelt sei: Bislang hätten sich aber noch keine Interessenten gefunden, die bereit wären, das Projekt zu finanzieren.

Ich dachte, dass man dafür wirklich nur dankbar sein konnte.